Dark Blood

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Feb 202013
 

Seit seine Frau gestorben ist, lebt der junge „Boy“ allein in einer nuklear verseuchten Wüste in den USA. Ein Achtel indianisches Blut, so genanntes Dark Blood, fließe in seinen Adern, erklärt er seinen unfreiwilligen Besuchern, dem Ehepaar Harry und Buffy, die auf einer zweiten Hochzeitsreise eine Autopanne haben und zunächst sehr dankbar sind für diese Begegnung. Doch es ist auch eine gehörige Portion Bitternis und Wahnsinn, die in dem jungen Mann steckt, der in der Ödnis seinen apokalyptischen Gedanken nachhängt, umgeben von Voodoopuppen. Als er in Buffy eine Art Seelenverwandte entdeckt zu haben glaubt und sie bei sich behalten will, nimmt das Unglück seinen Lauf…

Judy Davis, River Phoenix

Judy Davis, River Phoenix

Dark Blood ist der letzte Film mit dem Schauspieler River Phoenix, dem ältesten Bruder von Joaquin Phoenix. Er verstarb 1993, zehn Tage bevor der Film abgedreht war. Da das Filmmaterial anschließend an die Versicherung fiel, schienen die Aufnahmen verloren, sie sollten sogar vernichtet werden.

Dem niederländischen Regisseur George Sluizer ist es 2012 gelungen, an sein Material zu kommen und einen Film daraus zu montieren – und was für einen! Dark Blood ist eine Wucht. Ein Film, der nicht unbedingt hochoriginell beginnt, dann aber eine Kraft und einen Sog entfaltet, der einen nicht mehr loslässt. Phoenix‘ Spiel ist auch in kleinen Gesten so facettenreich, dass man nicht nur eine Ahnung bekommt, was für ein fantastischer Schauspieler er hätte werden können, sondern wie herausragend er bereits war! Überhaupt ist der Film fantastisch besetzt, auch Jonathan Pryce, der im Film den alternden Schauspieler Harry verkörpert, wirkt in jeder Szene mehr als glaubwürdig.

Judy Davis, River Phoenix, Jonathan Pryce

Judy Davis, River Phoenix, Jonathan Pryce

Ein spannender, hochdramatischer und sehr tragischer Film, der niemals in ein simples Gut/Böse-Schema verfällt, sondern Menschen als Opfer ihres Schicksals zeigt.
Wer Sluizers gefeierten Thriller „Spoorloos“ von 1988 kennt (oder sein eigenes Remake „The Vanishing“ von 1993), erkennt seinen elektrisierenden Stil und seinen Blick in die menschliche Seele wieder.

Dass Sluizer die nicht gedrehten Szenen einfach aus dem Off vorliest, tut der Spannung keinen Abbruch – sondern beweist vielmehr, dass der Film, wäre er denn wirklich komplett, sogar noch besser sein könnte!

Pardé (Geschlossener Vorhang)

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Feb 202013
 

Ein Mann (Jafar Panahis Co-Regisseur Kamboziya Partovi) betritt mit unsicheren, skeptischen Blicken ein großes, behaglich wirkendes Ferienhaus am Strand. Als er alle Vorhänge zuzieht, wird schnell klar: Hier will sich jemand verstecken. Der Grund dafür ist nicht so schnell offensichtlich: Es ist sein Hund. Da Hunde im Iran als unrein gelten, ist er auf der Flucht vor der Polizei.

Kamboziya Partovi mit Hund, Quelle: berlinale.de

Kamboziya Partovi mit Hund

Auch eine junge Frau und ihr „Bruder“, der sich später als ihr Freund herausstellen wird, suchen Zuflucht in dem einsamen Haus, weil sie an einer verbotenen Party teilgenommen hat. Was, wenn ihnen jemand gefolgt ist? Die Gefahr entdeckt zu werden, steigt. Und in der Tat steht schon bald die Polizei vor der Tür, zieht jedoch glücklicherweise wieder ab  – und die Verbarrikadierung im Haus nimmt eine völlig andere Wendung: Der Regisseur Jafar Panahi selbst betritt die Szenerie, öffnet alle Vorhänge wieder und ein filsches Experiment beginnt.

Jafar Panahi, Quelle: berlinale.de

Jafar Panahi

Panahi agiert fortan neben seinen Protagonisten – die Spiegel verschiedenener Seiten sind, die in ihm kämpfen? Doch er hat sich für eine andere Seite entschieden…

Unglaublich: Der iranische Filmemacher Jafar Panahi konnte diesen Film trotz Berufsverbot und Hausarrest realisieren! Somit konnte er jedoch persönlich der Einladung zur Berlinale erneut nicht folgen.
Aber wieder gelingt ihm etwas, was schon bei Offside (siehe unsere Besprechung 2011) sein großer Triumph war: Ein hochpolitischer, spannender und durchaus auch komischer Film zugleich!

Panahi brennt für seine Kunst, vermittelt seine Haltung  auf eindrucksvolle Weise und macht Hoffnung, wo andere hadern. Dafür drohen ihm jetzt weitere Strafen im Iran, weil der Film „illegal“ sei.

Computer Chess

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Feb 202013
 

Ein Bild im kontrastarmen, weichen Schwarz/Weiss einer alten Fernsehkamera: Menschen schleppen unförmige Apparaturen in ein kleines Hotel.
Die Geräte entpuppen sich als Computer, die fortan zeigen müssen, was sie auf dem wortwörtlichen Kasten haben – und zwar im Schachspiel! Dabei ist auf dem Monitor kein Schachbrett zu sehen, sondern der Rechner gibt die reine Notation aus. Auf einem realen Brett daneben werden die Züge dann von menschlicher Hand nachvollzogen.

Als der Computer das Schachspielen lernte…

Regisseur und Autor Andrew Bujalski („Beeswax“ im Berlinale Forum 2009) kehrt mit dem Zuschauer zurück in die Zeit, als Schachcomputer Menschen noch nicht selbstverständlich überlegen waren – Anfang der 80er Jahre. Auf einer Programmierer-Tagung lassen jede Menge Männer und eine einzige Frau ihre Computer gegeneinander antreten, wetteifern so um die beste Schach-Hard- und Software und fachsimpeln über künstliche Intelligenz.

Was vielleicht etwas trocken oder nach Special Interest klingt, inszeniert Bujalski mit viel Witz. Man muss selbst kein Nerd sein, um an diesem absolut außergewöhnlichen Film Gefallen zu finden. Er wirkt sehr authentisch – bis er immer bizarrere und surrealere Züge annimmt…
Da wäre die Konfrontation mit den sexuell aufgeschlossenen Besuchern einer Selbstfindungsgruppe. Und auch die einzige Frau in der Runde (natürlich ebenfalls mit riesiger Nerdbrille) ist für manchen verklemmten Tüftler zu viel – Zeit, dass etwas Farbe ins Bild und die Zeit durcheinander kommt…

Mit diesem einzigartigen Film hat Bujalski aufgrund der Thematik und des Aufwands das Mumblecore-Genre, als dessen Begründer er ja gilt, erstmal ebenso amüsant wie erfolgreich hinter sich gelassen.

Narco Cultura – Talk mit Regisseur Shaul Schwarz (Berlinale Panorama)

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Feb 182013
 

 

Zerschossene Autoscheiben, Blutspritzer im ganzen Auto verteilt, Leichen liegen auf dem sandigen Boden: Der Dokumentarfilm „Narco Cultura“ über den mexikanischen Drogenkrieg schockiert auch, weil er Bilder schonungslos zeigt. Bilder, die wir aus harten Thrillern und pulp fiction kennen – die aber hier echt sind.

Der Filmemacher und Fotograf Shaul Schwarz hat zwei Jahre lang für seinen Film in Mexiko und den USA gedreht: Wir begleiten mit ihm den Polizisten aus Juarez, der in seinem Job schon lange keine Verbrechen mehr bekämpft, sondern nur noch Leichen wegräumt.

Zusätzlich zeigt uns Schwarz eine Popkultur, die aus der Subkultur der Drogenmafia, der Narco, entstanden ist: Die Sänger und Bands der „narco corridos“ sind in Mexiko und bei ausgewanderten Mexikanern in den USA echte Popstars. Sie besingen die brutale Gewalt des Drogenkriegs in folkloristischem Stil und füllen riesige Hallen bei ihren Konzerten.

Der Film hatte seine Europa-Premiere bei der Berlinale und war zuvor schon beim Sundance Film Festival 2013 zu sehen.

Zu den einzelnen Fragen im Gespräch springen:

  1. Es verblüfft wie nah Du an das Geschehen und die Menschen in Deinem Film herangekommen bist – wie war das möglich?
  2. Gibt es dort auch Bands, die nicht über das Töten singen?
  3. Wird der Film auch in Mexiko gezeigt werden?
  4. Wie haben Sie die Leute dazu bekommen, dass sie ihr Gesicht zeigen und so offen reden – viele fürchten dort doch sicher um ihr Leben?
  5. Warum haben Sie in den Interviews mit den Behörden nicht nachgefragt, als es darum ging, dass sie der Drogenmafia gegenüber eigentlich machtlos sind?
  6. Denken Sie, dass die USA an der Situation in Mexiko eine Mitschuld trägt?

Metamorphosen – Interview mit Regisseur Sebastian Mez

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Feb 162013
 

 

Der Bärendienst hat mit Sebastian Mez über seinen außergewöhnlichen Dokumentarfilm „Metamorphosen“ gesprochen. Darin zeigt Mez wie die Menschen im Südural mit den Folgen eines Reaktorunfalls leben – müssen.

Die Explosion in dem Atomkraftwerk Mayak Mitte der fünfziger Jahre  ist weithin unbekannt und jahrzehntelang von offizieller Seite verschwiegen worden. Mez‘ Dokumentarfilm ist in schwarz-weiß in über scharfen Bildern gedreht und besticht durch seine Bildsprache.

Zu den einzelnen Fragen im Interview springen:

  1. Wie bist Du auf das Thema des Films gekommen?
  2. Wie habt Ihr Kontakt zu den Menschen vor Ort bekommen und Ihr Vertrauen gewonnen?
  3. Habt Ihr während der Drehzeit auch bei den Menschen vor Ort gelebt?
  4. Die Bildsprache ist sehr von Totalen geprägt, der Film ist in schwarz-weiß und die Motive sind alle sehr zentral aufgenommen worden – warum hast Du Dich dafür entschieden?
  5. Warum sind die Menschen im Film nie zu sehen, wenn Du Sie interviewst?